Globalisierung mit Nächstenliebe gestalten

EKvW/Schwerte. Die entscheidende Rolle Europas in der zusammen wachsenden Welt hat Franz Müntefering unterstrichen.

Nächstenliebe und Demokratie müssten die Grundlagen sein, „wenn wir mit der Globalisierung fertig werden wollen”, sagte der SPD-Politiker am 15. August bei einer Tagung der Evangelischen Kirche von Westfalen in Schwerte.

Angesichts globaler wirtschaftlicher Verflechtungen stünden die europäischen Länder vor der Herausforderung, soziale Angelegenheiten nationalstaatlich zu organisieren, so Müntefering. Er warnte davor, dass die Herrschaft des Geldes die Politik beherrscht. Es sei eine „perverse Entwicklung”, dass im modernen Kapitalismus Geld nicht mehr als Zahlungsmittel, sondern als „Produkt” angewandt werde.

Die Staaten Europas könnten in der Schaffung international gültiger sozialer Standards beispielhaft für die ganze Welt sein. Der frühere Sozialminister und Vizekanzler nannte als Beispiel Rechte für Arbeitnehmer, insbesondere für Frauen. „Lasst und anfangen mit Europa und was Gutes daraus machen!”, appellierte Müntefering vor rund hundert Politikern und Kirchenvertretern der Begegnungstagung in Haus Villigst.

An Europa entscheide sich in den nächsten Jahren das Gelingen oder Scheitern der Globalisierung. „Entweder gelingt es oder nicht – wenn nicht, wird es eine große Katastrophe für die ganze Welt. Europa müsste der Welt zeigen, wie das mit Solidarität und Demokratie geht.”

Europa habe den großen Vorteil einer langen demokratischen und sozialstaatlichen Tradition. Das Prinzip der christlichen Nächstenliebe – „wir müssen uns dem Menschen zuwenden und ihm helfen” – sei „eine Riesenidee, und sie ist modern”. Die Nächstenliebe sei gerade auch als organisierte Solidarität, etwa in der Diakonie, von höchster Bedeutung. Müntefering wies auf die Gefahr hin, dass im modernen Kapitalismus die Demokratie als Bürde empfunden werde, „ohne die es auch geht, und zwar schneller”.

Präses Alfred Buß erinnerte an die gemeinsame Verpflichtung von Kirche und Staat: „Kirchenleute und Politiker stehen für das Anliegen, diese Welt, diese Gesellschaft mitzugestalten, sie gerecht zu gestalten – und die Anwaltschaft für die wahrzunehmen, die ihr Recht selbst nicht durchsetzen können.” Beten und Handeln seien dabei keine Gegensätze, so der leitende Theologe der westfälischen Landeskirche. „Es ist an uns, nach unseren Kräften zu wirken, was wir können, und dafür zu beten.”