AB/Wehrendorf. Helmuth James von Moltke, der ab 1940 einen Widerstandskreis gegen das Nazi-Regime um sich scharte, saß vor seiner Hinrichtung im Januar 1945 ein Jahr lang in Haft. Sein Gefängnis-Tagebuch und die Briefe an seine Frau Freya aus dieser Zeit wurden am Freitagabend ergreifend vom „artENSEMBLE THEATER“ Bochum in Vlotho-Wehrendorf dargeboten.
Es herrschten einige Minuten Stille in der Kreuzkirche, bevor das Publikum den beiden Schauspielern Susanne Hocke und Jürgen Larys für eine höchst eindrucksvolle Schauspielleistung mit kräftigem Applaus dankte. Nicht gerade einfache „Kost“ wurde an diesem Abend vom „artENSEMBLE THEATER“ geboten, sondern unverfälschte Zeugnisse eines mutigen und gläubigen Menschen, der sich in gottloser Zeit gegen die Verbrechen stemmte.
Pfarrer Hartmut Birkelbach, Referat Kirche und Kultur („KuK!“) des Kirchenkreises Vlotho, hatte die Idee das Bochumer Schauspiel Duo in den Kirchenkreis zu holen und traf bei dem Wehrendorfer Gemeindepfarrer Rainer Labie auf sofortiges Interesse. „Ich bemühe mich, eigene Akzente in dieser dörflich geprägten Gemeinde zu setzten, dazu gehört auch, vom konventionellen Angebot abzurücken und etwas Außergewöhnliches zu bieten.“ Das bekamen die Zuschauer in der Tat: das Bühnenbild war auf das äußerste reduziert, die Handlung auf einen fiktiven Dialog zwischen Freya und ihrem Mann beschränkt. Ein alter Schemel, eine Filzdecke auf dem Boden, ein grüner Emailbecher reichten aus, um Bilder einer kargen Gefängniszelle zu evozieren. Darin Helmuth James von Moltke, führender Widerstandskämpfer des „Kreisauer Kreises“, der von der Gestapo verhaftet, ein Jahr in Berlin und Ravensbrück einsitzt. „Ich bin nun den vierten Sonntag hier und habe noch keine Kirchenglocke gehört. Die Sonntagsgeräusche unterscheiden sich von den Alltagsgeräuschen dadurch, dass das Hundegebell noch anhaltender ist und die Marschlieder den ganzen Vormittag füllen …Man fühlt sich so durchaus im Land der Gottlosen. Ich habe nie gedacht, dass das so spürbar wäre“, schrieb von Moltke im Februar 1944. Großartig mit bilderreichen Gesten und bewegender Mimik wird er gespielt von Jürgen Larys. Ganz dicht bleibt er an den Originaldokumenten und verleiht der Figur nach und nach Charakter. Er zeigt, wie diszipliniert sich Moltke seinen monotonen Haftalltag einteilt: per Post seine dienstlichen Verpflichtungen erledigt, liebevolle, detaillierte Briefe an seine Frau schreibt, seinen beiden fernen Söhnen seine Kindheitserinnerungen schildert und sich mit Liegestützen und täglichen Spaziergängen in seiner sieben Fuß großen Zelle körperlich fit hält. Halt findet der Graf von Moltke in dieser schweren Zeit in der innig erwiderten Liebe zu seiner Frau und in seinem Glauben. Er beschäftigt sich während der Haft intensiv mit der Bibel, dem Katechismus und Schriften Martin Luthers. Diese Textstellen werden von Susanne Hocke äußerst feinsinnig vorgetragen und machen deutlich, wie von Moltke als tiefgläubiger Protestant mit seinem Schicksal umging und wie sein Glauben ihn alles Unrecht ertragen lässt. In seinem letzten Brief am 11. Januar 1945 schrieb er Freya: „der Glaube gibt mir am Ende enorme Kraft“ und endet mit einer ergreifenden Liebeserklärung „ohne Liebe sei der Mensch kein Mensch… Nur wir zusammen sind ein Mensch, ein Schöpfungsgedanke und darum bin ich gewiss, das du mich nicht verlieren wirst“. Ein bewegendes Ende von einem tiefgründigen, besonderen Abend, der vielen Zuschauern noch lange im Gedächtnis bleiben wird.
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